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DIE NEUE ART DES DENKENS

DIE NEUE ART DES DENKENS

Als Mediatorin stelle ich bei meiner Arbeit immer wieder fest wie gewaltvoll und wie gewalttätig unsere Kommunikation ist – und wirkt. Ein besonders wirkungsvolles Instrument sind dabei die moralischen Urteile. Sie unterstellen anderen Menschen, dass sie unrecht haben oder schlecht sind, wenn sie eine andere Meinung haben oder sich anders verhalten als wir es uns wünschen. 

„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“

(Rumi)

Wir verurteilen, werten ab, kritisieren und vergleichen. Wir leben in einer Welt, in der Annahmen von richtig und falsch gebildet werden. In einer Welt der Urteile, was gut oder böse ist, was normal, unnormal, verantwortlich oder unverantwortlich ist. 

Wer kennt das nicht: Ich ärgere mich über eine Situation, die nicht so gelaufen ist wie ich mir das vorgestellt habe und fange an zu analysieren wer oder was daran Schuld ist. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich dabei eher darauf Fehlverhalten zu analysieren anstatt darauf, was wir und andere brauchen und nicht bekommen. Jede Situation die uns ärgert, zeigt auf, dass uns gerade etwas fehlt und wir genau das nicht bekommen. Dabei geht es weniger um materielle Dinge, sondern um unsere Bedürfnisse, die nicht beachtet werden – um unser Bedürfnis nach Autonomie, Sicherheit, Loyalität, Wertschätzung, Wichtigkeit und Solidarität. Es hat nur etwas mit uns zu tun. Anstatt unser Gegenüber zu analysieren und zu verurteilen wäre es funktionaler den Blick auf unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu richten. 

Ein Beispiel: Wenn sich mein Kollege mehr Gedanken über Details macht als ich, ist er pingelig und zwanghaft. Andererseits, mache ich mir mehr Gedanken um Details, ist der Kollege schlampig und schlecht organisiert. Diese Art des Urteilens ist tragisch, denn wenn wir so kommunizieren, erzeugen wir bei unseren Mitmenschen Abwehr und Widerstand. Oder noch schlimmer, wenn Menschen sich unserem Wertesystem entsprechend verhalten und anpassen, dann tun sie das wahrscheinlich aus Angst, Schuldgefühl oder Scham. 

Den Preis für diese Verurteilungen zahlen wir alle. Und er ist hoch. Menschen, die ihr Verhalten aus Angst, Schuld oder Scham den Werturteilen eines anderen anpassen, werden über kurz oder lang einen Teil ihres Selbstbewusstseins einbüßen. Ihr Wohlwollen uns gegenüber wird aus einem Gefühl der Nötigung über die Zeit nachlassen. Sie werden mit aller Wahrscheinlichkeit immer weniger einfühlsam auf unsere Bedürfnisse eingehen.

Welcher Weg führt heraus, aus diesem Dilemma von unterschiedlichen Wertvorstellungen und den daraus resultierenden moralischen Urteilen?  

Machen wir uns den Unterschied zwischen Werturteilen und moralischen Urteilen bewusst: 

Werturteile sind Beurteilungen von Eigenschaften, die uns im Leben wichtig sind, wie z.B Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Loyalität. Sie geben wieder wie ein jeder sein Leben leben möchte.

Moralische Urteile geben wir ab, wenn Menschen sich konträr zu unseren Wertvorstellungen verhalten. Wir sagen dann „Unpünktlichkeit ist eine Frechheit. Mein Kollege kam zu einem wichtigen Termin viel zu spät, er ist absolut unkollegial und unzuverlässig.“

Wären wir so aufgewachsen, dass wir schon sehr früh gelernt hätten von unseren Bedürfnissen und Gefühlen zu sprechen, anstatt auf das Fehlverhalten eines anderen zu fokussieren, hätten wir stattdessen vielleicht  gesagt „Ich habe einen Abgabetermin für meine Präsentation, dieser ist heute Abend und ich brauchte deine Rückmeldung zu den Inhalten. Als ich eine Viertelstunde auf dich warten musste, hatte ich Angst, den Termin zu reißen und meine Präsentation ohne dein Feedback abgeben zu müssen“.

Andrew Schmookler vom Fachbereich Konfliktlösung an der Harvard Universität schreibt in seinem Buch „Out of Weakness“, dass hinter aller Gewalt – ob verbal, psychologisch oder physisch – die Denkweise steht, dass die Ursache eines Konflikts immer am Fehlverhalten des Gegenübers liegt. Außerdem weist er auf eine dazugehörige Unfähigkeit hin, über sich selbst oder andere in Worten von Verletzlichkeit zu denken – also was jemand vielleicht fühlt, befürchtet oder braucht. 

D.h. wenn wir in unseren Familien, Schulen, Unternehmen und in der Politik gemeinsame Wege gehen wollen, die von Respekt und Wertschätzung zeugen, dann werden wir nicht umhin kommen, von unseren Gefühlen und Bedürfnissen zu sprechen.

Wenn du dazu beitragen möchtest, dass wir mehr Wertschätzung und Respekt in unserer Gesellschaft leben, dann fange bei dir an, am besten heute und am besten jetzt. 
Die schlechte Nachricht: Es gibt leider keinen Kippschalter, den man nur umlegen muss und dann klappt das mit dem neuen Denken und Sprechen von alleine. Meine persönliche Erfahrung ist, dass es Jahre braucht und ich vielleicht mein Leben lang daran arbeiten muss, um nicht in alte Routinen zu verfallen. Denn es ist so viel leichter die Schuld im Außen zu suchen als die Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu übernehmen. 
Die gute Nachricht: Du beschenkst mit dieser neuen Art des Denkens und Sprechens nicht nur deine Mitmenschen, sondern auch dich selbst. Du wirst merken, dass dir diese Art des Denkens und Redens immer mehr inneren Frieden schenkt und auch viel Freiheit. 

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